Fortbewegung

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Der Berliner denkt in U-Bahn Stationen. Wenn man nach dem Weg fragt, bekommt man oft »U2«, »Richtung Pankow« oder »in die U7 umsteigen« als Antwort. »Direkt am U-Bahnhof Wittenbergplatz« hört man öfter bei der Frage nach dem KaDeWe als »an der Tauentzienstraße« und selbst auf dem Plakat, das für die große Abendveranstaltung im Theater wirbt, steht die Station noch vor der eigentlichen Adresse. Das mag daran liegen, dass wir ständig im Zug sitzen, die Arbeit liegt nicht direkt um die Ecke und auch die Discothek ist meistens nicht gegenüber. Wenn man sich aus seinem Viertel wagt, ist kaum ein Weg fußläufig zu bestreiten, dafür sind die Strecken zu weit und die Zeit zu knapp. Das Leben spielt sich viele Minuten am Tag in einem Netz im Untergrund ab, es verbindet nicht nur A und B, den Westen mit dem Osten, sondern auch uns Großstadtmenschen, denn viel zu oft, trifft man dort – auch wenn es unwahrscheinlich erscheint – bekannte Gesichter.

Sinnvoll nutzen, könnte man solche Fahrten zwischen den insgesamt 173 Stationen natürlich mit einem Roman oder den Nachrichten, die auf Bildschirmen bekanntgegeben werden. Ich ertappe mich aber immer häufiger beim Lauschen von interessanten Gesprächen. Die Buchstaben in meinem Buch werden dann langsam unscharf, die Töne um mich herum dafür umso deutlicher.

Mittlerweile gibt es sogar WLAN in vielen Bahnhöfen, man ist also nicht einmal mehr von der Außenwelt abgeschnitten, doch es gibt einige Dinge, die es – wie ich feststellen musste – zu beachten gibt.

Bei dem täglichen Kampf, dem aufgeregten Gedränge um einen Sitzplatz, kommt ein leerer Wagen gerade gelegen, doch man sollte wissen, dass dieser aus einem guten Grund leer ist. Wer seine Schuhe im sauberen Zustand schätzt – ich trug an diesem Tag Raf Simons. Raf, nicht barf – der stürzt sich doch lieber in die Massen.

Genauso dreht der Sitznachbar sein Smartphone nicht aus reinem Vergnügen weg. Er will Blicke vermeiden. In einer Zeit, in der im Internet immer offener mit Sexualität und Nacktheit umgegangen wird, sollte man auch keinen Blick riskieren. Vor Allem nicht, wenn die Übelkeit, ausgelöst vom Anblick im unbevölkerten Waggon nebenan, immer noch anhält.

Mit dem Sitzplatz klappt es allerdings nicht allzu häufig. Der Berliner ist ungeduldig, auf den nächsten Zug zu warten ist keine Option, deshalb wird sich auch in die vollste U-Bahn gedrängt. In diesem Fall, sollte man sich an den Rand stellen, sich anlehnen und versuchen, sich die Luft nicht völligst von den anderen Passagieren wegatmen zu lassen. Unvorstellbar aber gerade im Sommer scheint der Sauerstoff begrenzt. In diesen Momenten fühle ich mich wie einer dieser Actionhelden aus Hollywoodfilmen, die in einem Raum, der langsam mit Wasser voll läuft, gefangen sind.

Aber nicht nur das eigentliche Fahren bei so einer Fülle kann zur Herausforderung werden auch das Aussteigen gestaltet sich schwierig. Die meisten Menschen tragen Kopfhörer und hören Musik, was ich ihnen keinesfalls übel nehme, manche Gespräche hätte ich auch lieber nicht mitbekommen. Ein großer Nachteil ist aber, dass die Stimmen der Mitfahrer, die aussteigen und vorbei müssen, auch nicht mehr gehört werden. Der Berliner, da bin ich mir fast sicher, weiß das. Deswegen wird erst gar nicht darum gebeten, Platz zu machen, es wird sich lieber direkt durch geschoben und vorbei geschubst.

Trotzdem fahre ich meistens gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, es gibt mir das Gefühl der Großstadt näher zu sein, ein Teil von ihr zu sein, wenn man sich mit rasender Geschwindigkeit durch die unterirdischen Adern Berlins begibt.

Paul

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Ein Gedanke zu “Fortbewegung

  1. Kurzweilig, witzig und fesselnd! Paul nimmt den Leser mit! Als ich den Text gerade gelesen hab, fühlte es sich an, als wär ich mittendrin in der überfüllten U-Bahn

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